Klaus Brammertz - Ehrenpreis für das Lebenswerk 2025
Klaus Brammertz, Bauwerk Group
„Es hat mir immer Spaß gemacht, mich für Parkett einzusetzen“
Viele Jahre lang war Klaus Brammertz Gesicht und Motor der Bauwerk Group. Unter seiner Ägide machte der Schweizer Parketthersteller gewaltige Sprünge, fusionierte mit der norwegischen Boen Group, eröffnete Werke in Litauen und Kroatien und kaufte in den USA zu. 2021 gab er die operative Verantwortung nach dem besten Jahr der Firmengeschichte ab. Und weil es ihm „immer Spaß gemacht hat, sich für Parkett einzusetzen“, tat er dies auch über Bauwerk hinaus in der FEP und der ISP.
Die Verbindung und Verbundenheit zu Parkett standen weder auf der Agenda von Klaus Brammertz, noch waren sie ihm in die Wiege gelegt. Wie so oft im Leben, spielte immer wieder der Zufall eine Rolle für die beispiellose Karriere des gebürtigen Schwaben, der nach diversen Stationen in Deutschland, Schweden und den USA mit seiner Familie seine Heimat in der Schweiz gefunden hat – und inzwischen auch Schweizer Staatsbürger ist.
Nach dem Abitur und dem Wehrdienst, den er als Leutnant (der Reserve) beendete, begann der 21-Jährige das Studium der Betriebswirtschaftslehre in Mannheim und spezialisierte sich dabei auf zwei gegensätzliche Bereiche: Controlling und Marketing – was ihm in seiner späteren beruflichen Vita immer wieder zugute kommen sollte. Nach dem Abschluss des Studiums eröffnete sich dem jungen Betriebswirt – zufällig – eine veritable Chance für einen verheißungsvollen Berufseinstieg: Im Automobilzulieferwerk Otterberg der Frankenthaler Pegulan-Werke mit ihren Folien-, Boden- und Wandbelagsaktiväten wurde die Personalleitung vakant und Brammertz übernahm in seiner ersten Stelle gleich die Verantwortung für Hunderte von Kollegen. Und offenbar bewährte sich der Mittzwanziger, denn er wurde zum „Promising Candidate“ der Gruppe ernannt, womit ihm weitere Karrierestufen bei Pegulan winkten.
1986 dann der Paukenschlag: Pegulan wurde zum Verkauf ausgeschrieben. Unter den Interessenten: der schwedische Tarkett-Konzern (der tatsächliche spätere Käufer), der Hamburger Bauer-Verlag – kaum zu glauben – und Gründer-Sohn Dr. Thomas Ries. Tarkett setzte sich durch und avancierte Anfang 1987 mit der Akquisition von Pegulan zur Nr. 1 in der europäischen Bodenbelagsindustrie.
In Frankenthal brachen nach der Übernahme unruhige Zeiten an. Das komplette Top-Management wurde ausgetauscht und durch Schweden ersetzt. Klaus Brammertz war noch nicht hoch genug aufgestiegen, um auf der Abschussliste der neuen Eigentümer zu stehen – aber er geriet schnell ins Visier des Vorstandsvorsitzenden Finn Johnsson, dem der ambitionierte Trainee ins Auge gefallen war. Er holte ihn als seinen Assistenten mit dem Fokus auf die Bereiche Business Development sowie Mergers & Acquisitions nach Stockholm – und Brammertz zog von der Pfalz in die schwedische Hauptstadt um.
Erste Berührung mit Parkett
In dieser Position kam er das erste Mal in Berührung mit Parkett – und auch, wenn er später noch in anderen Branchen aktiv sein würde, sollte ihn das Thema nicht mehr loslassen. „Ich liebe Holz, ich arbeite sehr gern mit Holz, ich rieche Holz gerne“, fasst er seine Begeisterung für das natürliche, nachhaltige Material in Worte. „Für mich ist Parkett der einzige richtige Bodenbelag.“
Nahbar und interessiert: Klaus Brammertz 2017 bei einer Werksbesichtigung.
Bei Tarkett lernte Brammertz das Produkt Parkett und seine Fertigung aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven kennen. Im südschwedischen Hanaskog betrieb der Konzern ein für die damalige Zeit hochmodernes Werk, einen „Greenfield“-Bau mit optimalen Werkslayout und Warenfluss. Einen totalen Kontrast stellen dazu die „Vereinigten Hüttenwerke“ dar, wie er es heute launig im Rückblick formuliert, der US-Hersteller Harris in Johnson City im Bundesstaat Tennessee, den Tarkett wenige Jahre zuvor erworben hatte und der mit großen Schwierigkeiten behaftet war. „Das war ein wahrer Kulturschock“, erinnert er sich an die Monate, die er in den Südstaaten lebte – an die Transportloren bei Harris, die per Hand auf Schienen von Halle zu Halle geschoben wurden und den von Handarbeit dominierten Fertigungsprozess.
Drei Prägungen: Bodenbeläge, Internationalität, Schweden
Nach zwei eher von strategischen Aufgaben geprägten Jahren in Stabsfunktionen stand 1989 der nächste Karriereschritt an – und Brammertz wünschte sich eine Position in seinem Studienschwerpunkt Marketing – und bekam diese auch. Allerdings hatte das mit Parkett erstmal nichts mehr zu tun, dafür siedelte er zurück nach Deutschland und zog wieder mit seiner Freundin und späteren Frau Angelika zusammen, die er bei Pegulan kennengelernt hatte. Als Produktmanager Teppichboden im Textilwerk Ramstein, und kurze Zeit darauf auch Marketingleiter, rief er mit Champion My Way eine wegweisende Kollektion ins Leben (die hier deshalb Erwähnung findet, weil ich Klaus Brammertz anlässlich ihrer spektakulären Premiere im jungen Vitra Design Museum kennenlernen durfte, Anm.d. Autorin).
Nach sieben Jahren neigte sich dann Anfang der 90er Jahre die Ära Tarkett für Klaus Brammertz dem Ende zu. Was nahm er aus dieser Zeit und den Erfahrungen dort mit ? „Eine Bindung zu Schweden, eine Präferenz für global agierende Unternehmen, die mir ermöglichten, international zu arbeiten und die Liebe zum Holz und zum Bodenbelagsgeschäft, eine faszinierende Branche, die mich immer begeistert hat – und zu der ich sehr froh war, mit Bauwerk zurückzukehren“, sagt er. Das sollte aber erst 2009 sein.
Auf dem Boden geblieben
Zuvor bewährte sich Brammertz in zwei ganz anderen Welten – und blieb dabei zunächst noch beim Boden, wenn auch Outdoor. Ein Headhunter holte ihn als Geschäftsführer zu Eurogreen, einer Tochter von Wolf-Garten, die auf Anlage und Betreuung von Groß-Grünflächen wie zum Beispiel in Fußballstadien und Golfplätzen spezialisiert war. Wieder zog das Paar um, dieses Mal in die Nähe von Montabaur in den Westerwald. Und Brammertz wurde nach einigen Jahren vom Inhaber des Familienunternehmens mit der Geschäftsführung der Mutter betraut.
In dieser Zeit wuchs sein Faible für schnelle Autos und schnelles Fahren – einerseits befeuert durch seine Frau Angelika, selber als Vertriebsprofi in der Automobil- und später Reifenbranche aktiv, die ihm eine Rennfahrer-Lizenz auf Alfa-Romeo schenkte, andererseits durch seinen Chef, einen glühenden Ferrarista. Brammertz fuhr sogar Langstrecken-Rennen – bis ein ihm nahestehender, ebenso begeisterter Amateur-Pilot an seinem 40. Geburtstag ums Leben kam. Das war der Schlusspunkt für ihn, fortan nahm er an keinem Wettbewerb mehr teil. Aber die Leidenschaft für PS-starke Motoren blieb, vor allem für die Marke Porsche.
Anker werfen in der Schweiz
Nach zehn Jahren bei Wolf Garten, mittlerweile waren sie zu dritt, die ältere Tochter Laura war 1997 auf die Welt gekommen, ereilte Klaus Brammertz 2001 wieder der Ruf zu etwas Neuem – die weltweite Divisionsverantwortung für High Tech-Messinstrumente bei Leica Geosystems im schweizerischen Heerbrugg, damals frisch an der Börse notiert. Wieder eine ganz anderes Business, wieder ein anderes Land – aber was alle Stationen in seiner Karriere gemeinsam hatten, war durchgängig eine Fokussierung auf das B2B-Geschäft und die Zusammenarbeit mit dem Fachhandel. Auch nachdem Leica Geosystems in schwedische Hände kam, blieb Brammertz an Bord.
Bis wieder der Zufall auf den Plan trat und ihm eine Chance offerierte, die Führung des Schweizer Parkettherstellers Bauwerk, „die mich gleich extrem angesprochen hat“ – zum einen bedeutete das die Rückkehr zu seinen beruflichen Wurzeln, in eine Branche, die ihm lag und die er mochte, zum anderen musste er seine Familie, die 2001 durch die jüngere Tochter Lilli komplettiert war, nicht aus ihrem Umfeld reißen, denn der alte und der neue Arbeitgeber residierten nur 5 km auseinander.
Umsatz mehr als verdoppelt
Zum 1. Juni 2009 wurde der Dipl.-Betriebswirt zum CEO von Bauwerk ernannt, primär mit der Aufgabe, das grundsolide und gesunde, aber hauptsächlich in den DACH-Märkten, vor allem in der Schweiz verankerte Unternehmen zu internationalisieren. Mit der Entwicklung, die Bauwerk in den Folgejahren vollziehen würde und seinem Engagement über die Firma hinaus für die Parkettbranche, unter anderem im Vorstand der FEP, des Verbandes der Europäischen Parkettindustrie und der ISP, der Interessengemeinschaft Schweizer Parkett, sollte Brammertz seine formidable Karriere krönen.
Als er in St. Margrethen antrat, kam Bauwerk auf einen Umsatz von 120 Mio. CHF. Als er 2021 den Staffelstab an seinen Nachfolger Patrick Hardy weiterreichte, und sich in den Verwaltungsrat zurückzog, übergab er ihm eine prosperierende Gruppe mit einem mehr als verdoppelten Erlös von 301,7 Mio. CHF, einem Absatz von 9,3 Mio. ㎡ und einem Ergebnis von 16,5 Mio. CHF.
2021 übergab Klaus Brammertz den Staffelstab – und ein prosperierendes Unternehmen mit Rekordumsatz – an seinen Nachfolger Patrick Hardy.
Dazwischen lagen einige Meilensteine. Schon im ersten Jahr nach Brammertzs Amtsübernahme trennte sich Nybron Flooring International von Bauwerk. Die Gruppe, Mitte der 2000er Jahre mit den drei Firmen Bauwerk (Schweiz), Kährs (Schweden) und Marty (Frankreich) , über 400 Mio. EUR Umsatz und 17 % Marktanteil Nr. 1 der europäischen Parkettbranche, verschwand danach in der Versenkung und wurde 2012 liquidiert. Und Bauwerk freute sich darüber, zumindest teilweise wieder in „Schweizer Händen“ zu sein, und das auch noch von EGS Beteiligungen AG, einer Tochter der Ernst Göhner Stiftung – denn Ernst Göhner war einst der Firmengründer. Übrigens sollte EGS spätere weitere Anteile erwerben und ist seit 2020 Mehrheitsaktionärin mit 98 %.
Erster „Frankenschock“: Ursache für Fusion mit Boen
Kaum war die Übernahme vollzogen, verteuerte 2011 der sogenannte „Frankenschock“, als der Schweizer Franken durch das Aufheben des Mindestwechselkurses zum Euro innerhalb kürzester Zeit bis zu 40 % an Wert zulegte, massiv Schweizer Produkte, die „praktisch über Nacht nicht mehr vermarktbar waren“. Die Lösung: ein Standbein außerhalb der Schweiz in der EU. Die Option Greenfield-Projekt zerschlug sich schnell, blieb eine Akquisition.
Und da bot sich mit dem norwegischen Hersteller Boen ein attraktiver Kandidat, da sowohl komplementär mit den Strategien, als auch den Produkten, Märkten und Absatzkanälen. Bauwerk belieferte das Handwerk und das Objekt in der DACH-Region und den Niederlanden mit vorwiegend zweischichtigem Premiumparkett. Und Boen, handels- und mengenorientiert, hatte als einer der ersten europäischen Parketthersteller seine Dreischichtparkett-Fertigung in ein Low Cost-Land verlegt, nämlich nach Litauen. Eine ideale Verbindung – und so formierte sich 2013 die Bauwerk Boen Group mit Produktionsstätten in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Litauen und Norwegen, Sägewerken in Litauen und beim russischen Kalinigrad und Klaus Brammertz an der Spitze des siebenköpfigen Vorstandes.
„Das war ein Volltreffer, die beiden Unternehmen haben extrem gut zueinander gepasst und beide von dem Zusammenschluss profitiert“, sagt er rückblickend. Dennoch erlag man nicht wie bei vielen Mergern üblich der Versuchung, die Firmenkultur und -politik des einen Partners dem anderen überzustülpen. Beide blieben am Markt und nach außen hin autark, wurden als zwei getrennte Divisionen geführt, nur gruppenrelevante Bereiche wurden zentralisiert. Was nicht bedeutet, dass die Vereinigung dreier Nationalitäten einfach gewesen wäre: „Das war das Komplexeste, was ich an kulturellem Brückenschlag zu verantworten hatte. Das hohe Sozialbedürfnis der Norweger, die noch von der UdSSR geprägten, aber selbstbewussten, jungen und gut ausgebildeten Mitarbeiter aus Litauen und das patriarchalische Verhalten der Schweizer, für die Pünktlichkeit bedeutet, fünf Minuten vor dem Termin schon im Meeting zu sein.“
Die Standorte in Mölln und Salzburg wurden geschlossen, die Anlagen nach Kietaviškės verlagert, wo durch massive Investitionen unter „idealen Voraussetzungen“ eine der damals modernsten und leistungsfähigsten Parkettfabriken mit einer Kapazität von 7 Mio. ㎡ entstand. 2014 wurde sie unter Anwesenheit des litauischen Wirtschaftsministers eröffnet.
Zweiter „Frankenschock“: Invest in Kroatien
Damit schien die Bauwerk Boen Group bestens für die Zukunft aufgestellt. Bis 2015 der zweite Frankenschock die Schweizer Wirtschaft erschütterte und zugleich das Werk in Litauen an seine Kapazitätsgrenzen stieß. Wieder war Kreativität gefragt. „Wir haben uns damit beschäftig, wo wir in Osteuropa produzieren könnten. Klar war für uns: nahe am Wald, nahe an der Ernte, nahe am Sägewerk. Wir konnten uns auch die Integration eines Sägewerks vorstellen, um mehr Einfluss auf die Lieferkette zu gewinnen.“
Wieder fand sich – per Zufall – eine Option, die alle diese Voraussetzungen erfüllte: Die Haas-Gruppe wollte sich von ihrer kroatischen Tochter Haas Dom trennen, einer Parkett- und Holzplattenproduktion samt eigenem Sägewerk in Đurđevac, Bahnanschluss, nahe gelegenen ausgedehnten Eichenvorkommen und Lieferkontrakt mit dem kroatischem Staatsforst. Im Dezember 2016 wurde der Kaufvertrag unterschrieben und die Errichtung einer modernen Dreischichtparkettfertigung mit 1,2 Mio. ㎡ Kapazität Fertigparkett plus 1,5 ㎡ Deckschichtlamellen auf Basis der vorhandenen Infrastruktur in Angriff genommen. “Im Prinzip war das schon eine Greenfield-Investition.“
Im Frühjahr 2018 ging das 25 Mio. EUR-Prestigeprojekt in Betrieb. Zur feierlichen Eröffnung fanden sich 100 illustre Gäste ein, darunter der kroatische Vizepräsident Predrag Štromar, der Schweizer Botschafter und seine norwegische Kollegin. Da war nicht zu spüren, wie anstrengend und kompliziert die (Aufbau-)arbeit hinter den Kulissen war, auf wie viele unvermutete Probleme man stoßen würde, die zum Teil noch heute Schwierigkeiten bereiten.
Ehrenpreis für das Lebenswerk des Jahres 2025